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Lesezeit 7 Min. · Stand September 2026

Raumluft verständlich erklärt: CO₂, Feuchte und Schadstoffe

Wir verbringen den größten Teil des Tages in Innenräumen, nachts sowieso. Was in dieser Luft steckt, sieht man nicht und riecht man oft erst, wenn man von draußen reinkommt. Hier die drei großen Themen der Raumluft, ohne Panik, mit Zahlen.

CO₂: kein Gift, aber ein ehrlicher Anzeiger

Draußen liegt der CO₂-Gehalt heute bei etwa 425 ppm, also 0,0425 Prozent. Drinnen steigt er, weil jeder Mensch CO₂ ausatmet. Schon Max von Pettenkofer hat im 19. Jahrhundert 1.000 ppm als Grenze für "gute" Raumluft vorgeschlagen. Der Wert hat sich gehalten.

Wichtig zu verstehen: In den üblichen Wohnungskonzentrationen ist CO₂ selbst kaum das Problem. Eine dänische Studie (Zhang et al., Indoor Air 2017) hat reines CO₂ bis 3.000 ppm in den Raum gegeben und keine messbaren Effekte auf Befinden oder Denkleistung gefunden. Kam dieselbe CO₂-Konzentration aber durch Menschen zustande, also mit allem, was wir sonst noch ausatmen und ausdünsten, klagten die Probanden über Kopfschmerzen, Müdigkeit, und einige Testleistungen wurden schlechter.

Das heißt: CO₂ ist der Messwert, der verrät, wie viel "Menschenluft" im Raum steht. Deshalb ist er so nützlich.

Rechenbeispiel Schlafzimmer: Wie schnell steigt der Wert?

Ein Schlafzimmer mit 14 m² und 2,5 m Raumhöhe hat 35 m³ Luft. Zwei schlafende Erwachsene atmen zusammen grob 25 Liter CO₂ pro Stunde aus (Richtwert, je nach Körpergröße schwankend).

  • 25 Liter auf 35.000 Liter Raumluft ergibt rund 700 ppm Anstieg pro Stunde, wenn gar keine Luft ausgetauscht würde.
  • In einem dichten Haus mit geschlossener Tür und geschlossenem Fenster ist der Austausch sehr gering. Nach ein bis zwei Stunden liegt man dann über 1.000 ppm, bis zum Morgen sind Werte über 2.000 ppm realistisch.

Um zwei Personen dauerhaft unter etwa 1.000 ppm zu halten, braucht es rund 40 bis 50 m³ Frischluft pro Stunde. Das ist die Größenordnung, die eine Lüftungsanlage fürs Schlafzimmer liefert.

Und die Energiekosten? Bei 45 m³/h, zehn Stunden pro Nacht, im Winter mit 20 K Temperaturunterschied: 0,34 Wh/(m³·K) × 45 × 20 × 10 h ≈ 3 kWh Wärme pro Nacht. Über 200 Heiznächte sind das rund 600 kWh, mit Gas bei 12 ct/kWh und 90 Prozent Nutzungsgrad etwa 80 € im Jahr. Mit einer Wärmerückgewinnung von 85 Prozent bleiben davon rund 12 € übrig, plus ein paar Euro Strom für den Ventilator.

Gesundheit: Was sagen Studien zum Schlaf?

Eine Laborstudie mit 32 gesunden jungen Erwachsenen, veröffentlicht 2023 in Building and Environment, verglich Nächte bei durchschnittlich 750, 1.000 und 1.300 ppm. Schon bei 1.000 ppm war die Schlafeffizienz leicht reduziert und die Wachzeit um einige Minuten länger. Bei 1.300 ppm verkürzte sich der Tiefschlaf um etwa sechs bis sieben Minuten, und der Cortisolwert nach dem Aufwachen war erhöht. Die Autoren empfehlen, im Schlafzimmer unter 1.000 ppm zu bleiben.

Zur Tagesleistung gibt es Studien aus Harvard (Allen et al., 2016), die bei höheren CO₂-Werten deutlich schlechtere Ergebnisse in Entscheidungstests fanden. Die Studienlage dazu ist allerdings nicht einheitlich, andere Arbeiten konnten das nicht im selben Ausmaß bestätigen. Ehrlich zusammengefasst: Frische Luft kann Schlaf und Konzentration unterstützen. Ein Wundermittel ist sie nicht, ein Hindernis ist verbrauchte Luft aber sehr wohl.

Feuchte: Zu viel ist ein Bauschaden, zu wenig unangenehm

Das Umweltbundesamt empfiehlt 40 bis 60 Prozent relative Luftfeuchte. Die Quellen kennen Sie: Atmen, Kochen, Duschen, Pflanzen, Wäsche. Ein Vier-Personen-Haushalt kommt auf grob 8 bis 15 Liter pro Tag.

  • Zu feucht (dauerhaft über 60 bis 65 Prozent): Schimmelrisiko an kalten Flächen, Hausstaubmilben fühlen sich wohl. Für Allergiker ist das relevant.
  • Zu trocken (unter etwa 30 Prozent, typisch im Januar bei Frost): Viele empfinden trockene Augen und Schleimhäute als unangenehm. Wichtig: Trockene Winterluft ist meist die Folge von zu viel Außenluft bei Kälte, etwa durch Dauerkipp oder eine zu hoch eingestellte Lüftungsanlage.

Ein kleines Rechenbeispiel zur Wäsche: Zwei Liter Wasser aus einer Ladung Wäsche brauchen im Winter rund 420 m³ Luftaustausch, um wieder rauszukommen. Das kostet etwa 3 kWh Heizwärme, also rund 40 Cent. Lüften ist billig. Schimmel ist teuer.

Schadstoffe: Was sonst noch in der Luft steckt

  • Flüchtige organische Verbindungen (VOC): Aus Farben, Klebern, Möbeln, Reinigern, Duftkerzen. Nach Renovierungen und bei neuen Möbeln deutlich erhöht.
  • Formaldehyd: Kann aus Holzwerkstoffen ausgasen. Der Ausschuss für Innenraumrichtwerte hat dafür einen Richtwert von 0,1 mg/m³ festgelegt.
  • Radon: Natürliches radioaktives Gas aus dem Untergrund, vor allem im Keller und Erdgeschoss. Das Strahlenschutzgesetz nennt einen Referenzwert von 300 Bq/m³. Wie hoch die Belastung bei Ihnen ist, zeigt nur eine Messung.
  • Feinstaub und Pollen: Kommen von draußen herein. Gerade in der Stuttgarter Kessellage oder an stark befahrenen Straßen ist das ein Thema. Eine Lüftungsanlage mit gutem Zuluftfilter (ISO ePM1, früher F7) hält einen großen Teil davon draußen, das offene Fenster nicht.
  • Stickstoffdioxid: Entsteht beim Kochen auf dem Gasherd. Dunstabzug nach draußen und Lüften helfen.

Die Grundregel ist immer dieselbe: Quellen vermeiden, dann verdünnen. Lüften ist Verdünnen.

Nachhaltigkeit: Richtig lüften statt entfeuchten und reinigen

Wer dauerhaft zu hohe Feuchte hat, greift schnell zum elektrischen Luftentfeuchter, und wer schlechte Luft hat, zum Luftreiniger. Beides braucht Strom und löst das Grundproblem nicht. Ein Luftentfeuchter mit 200 Watt, der im Winter täglich acht Stunden läuft, verbraucht über 150 Tage rund 240 kWh, bei 37 ct/kWh also knapp 90 € im Jahr. Geplante Lüftung nimmt die Feuchte dort weg, wo sie entsteht, und bringt gleichzeitig Frischluft.

Typische Fehler im Alltag

  • Schlafzimmertür nachts zu, Fenster zu, und morgens wundern, warum man wie gerädert ist.
  • Nach dem Duschen die Badtür aufmachen, damit "es trocknet". Dann verteilt sich die Feuchte in der kühleren Wohnung.
  • Wäsche im Schlafzimmer trocknen.
  • Duftsprays gegen muffigen Geruch statt Lüften.
  • Ein günstiges "Luftqualitätsgerät", das CO₂ nur aus VOC schätzt. Für CO₂ braucht es einen echten NDIR-Sensor.

Kurz gesagt

  • CO₂ ist in Wohnkonzentrationen kaum giftig, zeigt aber zuverlässig, wie verbraucht die Luft ist.
  • Im Schlafzimmer sind über Nacht 2.000 ppm und mehr ohne Luftaustausch realistisch.
  • Studien zeigen leichte, messbare Schlafeffekte schon ab rund 1.000 ppm.
  • Luftfeuchte zwischen 40 und 60 Prozent halten, im Winter darf es etwas weniger sein.
  • Schadstoffe erst an der Quelle vermeiden, dann durch Lüften verdünnen.

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