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Lesezeit 7 Min. · Stand September 2026

Neue Fenster eingebaut? Achtung, Schimmelgefahr

Der Klassiker nach der Sanierung: Im Herbst kommen die neuen Fenster, im Januar freut man sich über die Heizkostenabrechnung, und im Februar wird die Ecke im Kinderzimmer grau. Das ist kein Pfusch am Fenster. Das ist Physik, die niemand eingeplant hat. Hier steht, warum es passiert und wie man es von Anfang an vermeidet.

Warum ausgerechnet nach dem Fenstertausch?

Zwei Dinge ändern sich gleichzeitig, wenn alte Fenster rausfliegen.

Erstens: Das Haus wird dichter. Alte Holz- oder Kunststofffenster aus den 1970er- und 1980er-Jahren hatten Fugen, durch die ständig Luft kam. Dazu kamen undichte Rollladenkästen. Dieser unfreiwillige Luftwechsel hat laufend Feuchte hinausgetragen. Neue Fenster sind mit umlaufenden Dichtungen und luftdichtem Anschluss eingebaut. So soll es sein, aber der Luftwechsel sinkt deutlich.

Zweitens: Die kälteste Stelle wandert. Ein altes Isolierglasfenster war oft die kälteste Fläche im Raum. Dort ist die Feuchte zuerst kondensiert. Die beschlagene Scheibe war eine Art Warnlampe, man hat gewischt und gelüftet. Neue Dreifachverglasung ist innen deutlich wärmer, die Scheibe bleibt trocken. Jetzt ist die kälteste Stelle die Außenecke, die Laibung oder der Betonsturz über dem Fenster. Dort schlägt sich die Feuchte nieder, und zwar unsichtbar, bis der Schimmel kommt.

Ein Zahlenbeispiel bei −5 °C draußen und 20 °C drinnen, vereinfacht in Scheibenmitte gerechnet: Altes Isolierglas mit einem Ug-Wert um 2,8 W/(m²K) hat innen etwa 11 °C. Moderne Dreifachverglasung mit Ug 0,6 kommt auf gut 18 °C. Die Wand in einer ungedämmten Außenecke kann dagegen bei 12 °C oder darunter liegen. Warum diese Temperaturen so entscheidend sind, erklärt der Beitrag Kondenswasser verstehen und vermeiden.

Was die DIN 1946-6 verlangt

Die Norm für die Lüftung von Wohnungen, DIN 1946-6 in der Fassung von Dezember 2019, regelt genau diesen Fall. Ein Lüftungskonzept ist zu erstellen, wenn

  • ein Neubau errichtet wird,
  • in einem Einfamilienhaus oder einer Wohnung mehr als ein Drittel der Fenster ausgetauscht wird,
  • oder mehr als ein Drittel der Dachfläche abgedichtet wird.

Das Konzept prüft, ob der natürliche Luftwechsel durch Undichtheiten für die Stufe "Lüftung zum Feuchteschutz" ausreicht. Diese Stufe muss nutzerunabhängig funktionieren, also auch, wenn niemand ans Fenster denkt. Reicht es nicht, und nach einem Fenstertausch reicht es fast nie, braucht es lüftungstechnische Maßnahmen.

Die DIN ist kein Gesetz. Sie gilt aber als anerkannte Regel der Technik, und die schuldet ein Handwerksbetrieb im Werkvertrag. Wer die Fenster tauscht, muss das Lüftungskonzept also erstellen, beauftragen oder zumindest ausdrücklich darauf hinweisen. In der Praxis passiert das zu selten. Auf der Baustelle erlebe ich es regelmäßig, dass der Fensterbauer längst abgerechnet hat, wenn der erste Schimmel auftaucht, und dann wird über Schuld diskutiert statt über Lösungen.

Welche Lösungen es gibt

Nicht jedes Haus braucht gleich eine zentrale Lüftungsanlage. Je nach Ergebnis des Konzepts kommen in Frage:

  • Fensterfalzlüfter: kleine Elemente im Fensterrahmen, die einen definierten Grundluftwechsel sichern. Günstig und oft ausreichend für den reinen Feuchteschutz. Am besten gleich beim Fenstertausch mitbestellen.
  • Außenwandluftdurchlässe mit Abluft: Ein Ventilator in Bad oder Küche saugt ab, frische Luft strömt über Durchlässe in Wohn- und Schlafräumen nach. Einfach, aber ohne Wärmerückgewinnung.
  • Dezentrale Lüftungsgeräte mit Wärmerückgewinnung in einzelnen Räumen. Sinnvoll, wenn nachträglich keine Kanäle möglich sind.
  • Zentrale Lüftungsanlage: die komfortabelste Lösung, meist bei größerer Sanierung.

Welches System zu welchem Haus passt, vergleicht Dezentral vs. zentral.

Rechenbeispiel: Was die Dichtheit spart und was davon bleiben muss

Einfamilienhaus, 140 m² Wohnfläche, rund 350 m³ Luftvolumen. Die Werte für den Luftwechsel durch Undichtheiten sind grobe Annahmen, im Einzelfall zeigt es nur ein Blower-Door-Test.

  • Vorher: alte Fenster, undichte Rollladenkästen, grob 0,5-facher Luftwechsel pro Stunde, also etwa 175 m³/h.
  • Nachher: neue Fenster, grob 0,15-fach, also etwa 50 m³/h.

Mit 0,34 Wh pro m³ und Kelvin und rund 82.500 Kelvin-Stunden in der Heizperiode (grob Region Stuttgart):

  • Vorher: 0,34 × 175 × 82.500 ≈ 4.900 kWh Wärme
  • Nachher: 0,34 × 50 × 82.500 ≈ 1.400 kWh Wärme
  • Differenz: rund 3.500 kWh Wärme, mit Gas bei 12 ct/kWh und 90 Prozent Nutzungsgrad etwa 470 € im Jahr, zusätzlich zum besseren U-Wert der Scheiben.

Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Ein Teil dieses Luftwechsels war nötig, um die 8 bis 15 Liter Wasser eines Vier-Personen-Haushalts loszuwerden. Diesen Teil muss das Lüftungskonzept wieder herstellen, kontrolliert statt zufällig. Mit Wärmerückgewinnung bleibt der größte Teil der Ersparnis erhalten. Ohne Konzept zahlt man später mit Schimmelsanierung, und die liegt in einem einzigen Raum schnell im vierstelligen Bereich.

Gesundheit: Dichte Hülle, gute Luft

Neue Fenster bringen Ruhe. Weniger Straßenlärm, keine Zugluft, wärmere Oberflächen. Das ist ein echter Gewinn für Schlaf und Wohlbefinden. Der Haken: Mit weniger Luftwechsel steigen auch CO₂, Gerüche und Ausdünstungen aus Möbeln und Baustoffen schneller an, gerade in Kinder- und Schlafzimmern mit geschlossener Tür. Kommt Schimmel dazu, kann er Allergien und Atemwegsbeschwerden verstärken. Eine geplante Grundlüftung kann helfen, beides im Griff zu halten, ohne dass der Lärm durchs gekippte Fenster wieder hereinkommt.

Nachhaltigkeit: Sanierung zu Ende denken

Neue Fenster halten 30 Jahre und mehr. Wenn sie Schimmel an der Laibung auslösen, wird nach wenigen Jahren wieder gespachtelt, gestrichen und im schlimmsten Fall Putz erneuert. Das Lüftungskonzept gehört deshalb zur Fenstersanierung wie der Anschluss zur Dämmung. Und gleich mitgedacht: Wer die Fenster tauscht, aber die ungedämmte Laibung lässt, verlagert den Taupunkt nur ein paar Zentimeter.

Förderung

Neue Fenster und Lüftungsanlagen mit Wärmerückgewinnung werden in der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG Einzelmaßnahmen) über das BAFA mit 15 Prozent bezuschusst, wenn die technischen Mindestanforderungen erfüllt sind. Seit dem 21.07.2026 gibt es den Bonus für einen individuellen Sanierungsfahrplan von 5 Prozent nur noch für den Teil der förderfähigen Kosten über 30.000 € (Einfamilienhaus). Der Antrag muss vor der Beauftragung gestellt werden. Stand 09/2026, bitte vor Antrag aktuell prüfen. Wir machen das für Sie.

Checkliste für den Fenstertausch

  • Werden mehr als ein Drittel der Fenster getauscht? Dann ist ein Lüftungskonzept nach DIN 1946-6 fällig.
  • Wer erstellt es: Fensterbauer, Energieberater oder Lüftungsfachbetrieb? Schriftlich klären.
  • Falzlüfter oder andere Maßnahmen gleich mit bestellen, nicht nachträglich.
  • Laibungen und Fensteranschlüsse gedämmt? Rollladenkasten gedämmt und dicht?
  • Nach dem Einbau im ersten Winter ein Hygrometer aufstellen.
  • Möbel an Außenwänden 5 bis 10 cm abrücken.

Kurz gesagt

  • Neue Fenster machen das Haus dichter und verschieben die kälteste Stelle vom Glas in die Wand.
  • Ab einem Drittel getauschter Fenster verlangt die DIN 1946-6 ein Lüftungskonzept.
  • Die Dichtheit spart im Beispiel rund 470 € im Jahr, ein Teil davon muss für den Feuchteschutz wieder gelüftet werden.
  • Falzlüfter, Abluft, dezentrale oder zentrale Lüftung: Das Konzept entscheidet, was reicht.
  • Am günstigsten ist es, die Lüftung gleich beim Fenstertausch mitzuplanen.

Sie planen neue Fenster oder haben sie schon und sehen erste feuchte Ecken? Wir erstellen das Lüftungskonzept und setzen es um, im Raum Schönaich, Böblingen und Stuttgart. Mehr zur Wohnraumlüftung.

Weiterlesen: Kondenswasser verstehen und vermeiden · Schimmel in der Wohnung: Was tun?

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